Ich habe in den letzten Wochen zunehmend an meiner Uni beobachtet, dass Markenklamotten aus unserem Alltag gar nicht mehr wegzudenken sind. Wo ich auch hinschaue, überall starren mich die Adidas-Logos, der Nike-Schriftzug, die Nobelmarke Gucci oder der Uhrenhersteller Zodiac. Ganz abgesehen von den iPhones, den iPads und Macs, die insgesamt wohl mehr als die letzte Restauration des Hörsaals gekostet haben. Aber was macht diesen Hype um die Marke überhaupt aus? Leben wir etwa in einer Welt, wo man seinen Selbstwert und seine Persönlichkeit über seine Besitztümer definiert? Ist der soziale Status also alles, wofür wir noch zu kämpfen bereit sind? Die nächste Original Louis Vuitton bereits auf der künftigen Einkaufscheckliste, ein Trendteil aus der Herbst/Winter-Kollektion von Kanye West im Internet gesichtet oder sich schon ausführlich mit den neuen Trendfarben bekannt gemacht: All das sind die Dinge, die nun zählen. Die nun an der Tagesordnung sind. Scheinbar.

Denn es gibt auch jene Personen, die sich solche Luxusartikel nicht leisten können. Mehr als man denkt, eigentlich. Schließlich leben allein in Deutschland mehrere Millionen Menschen, die direkt oder indirekt von Armut betroffen sind. Sie haben mehr im Sinn, als sich über die neuesten Trendteile auszutauschen. Für sie zählt lediglich das blanke Überleben. Der tägliche Kampf um Brot, Wasser und Bildung. Und die Bundesrepublik ist dabei noch gut bedient. Schauen wir einfach mal in andere Länder: Laut dem UNO-Bericht aus dem Jahr 2014 sind 795 Millionen Menschen von Armut betroffen. Das ist jeder neunte Mensch auf dieser Welt, wobei sich ein deutliches Nord-Süd- und Ost-West-Gefälle zeigt. Das soll heißen: Je weiter man südlich und je mehr man östlich kommt, desto wahrscheinlicher ist die Armut. Natürlich gibt es da auch Ausnahmen wie Australien oder Japan. Andere Schätzungen gehen sogar von 1,5 Milliarden Menschen aus, wobei rund 800 Millionen weiteren im nächsten Jahrzehnt dasselbe Schicksal ereilen könnte. Und hierin manifestiert sich das krasse Gegenteil zu jenen Gucci, Prada und Versace tragenden Fashion-Victims, die Second-Hand oder Kleider der vorangegangenen Saison als abstoßend und wiederwertig betrachten. Second-Hand ist aber genau das, was den Armen irgendwie das Überleben sichert. Sie recyceln Kleidung, Möbel und sogar das Essen. Das soll bedeuten, dass sie sich tagtäglich auf die Suche nach Essensresten oder irgendetwas Verwertbaren machen, direkt vor den Toren von Johannesburg oder an der Eisenbahnstrecke in Mumbai.

Besonders Menschen, die weder lesen noch schreiben können, oder als Landarbeiter tätig sind, haben überdurchschnittlich häufig nur einen geringen Zugang zu regelmäßiger Nahrung und Wasser. So leben drei von vier Hungernden weltweit auf dem Land und sind als Bauern oder Viehzüchter beschäftigt. Schockierend, wenn man bedenkt, dass diese Menschen genauso wie wir einer täglichen Arbeit nachgehen, die in den meisten Fällen sogar körperlich auslaugender ist als ein Job im Dienstleistungssektor, der in unseren Breiten von den meisten Menschen ausgeübt wird. Bedenken wir nun, dass auch wir nur einen Euro pro Tag für diesen Job verdienen würden. Fänden wir das fair? Könnten wir uns dann noch unsere iPhones und iPads ohne Nachzudenken leisten? Würden wir dann überhaupt noch den Überkonsum unterstützen. Das genau ist nämlich das, was wir täglich tun.

Bereits im Supermarkt haben wir nämlich die Wahl zwischen 50 verschiedenen Käsesorten, 20 Sorten Brot, Obst und Gemüse aus aller Welt und Fleisch und Fisch im Überfluss. Wir haben alles – und auch das macht uns das Leben schwer. Denn bei der riesigen Auswahl wissen wir entweder nicht, was wir überhaupt noch wollen oder wir vergessen den Wert von jenen Dingen, die uns regelmäßig umgeben. Solange es nach unseren Wünschen auf unseren Tellern oder in unserem Kleiderschrank landet. Wer am Anfang der Produktionskette stand, beispielsweise der tagelöhnende Bauer in Brasilien, der für ein Kilo Mango nicht einmal fünf Cent einnimmt, vergessen wir gern. Doch auch wir sind nicht unschuldig am Hunger und Leiden. Schließlich wollen wir alles immer günstiger und schneller haben, besonders unsere Lebensmittel. Denn nirgendwo spart der Deutsche lieber als dort. So haben wir genügend Ressourcen übrig für anderen Schnickschnack – oder eben die 20ste Jeans oder das zehnte Paar Adidas. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Und dann, pünktlich kurz vor Weihnachten, rufen alle großen TV-Sender und TV-Größen wieder zum großen Spendenmarathon auf. Schließlich müssen wir jenen Menschen aus Afrika oder Südostasien Geld zukommen lassen, denen wir vorher genau dieses geraubt haben, in Form von Dumpinglöhnen für die eigenen Produkte, in Form des jahrelangen Kolonialismus und der Ausbeutung und in Form der Überbeanspruchung von Ressourcen. Was bleibt, ist eine kaputte Welt, in der die Ungleichbehandlung und das Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich, Überkonsum und Unterkonsum sich gesellschaftlich manifestiert hat. Nein, es ist sogar salonfähig geworden – und wird jeden Tag in Form der neuesten Trends und Marken auf den Laufstegen der Welt aufgetragen.